Wohnen hier noch Leut‘?
Leben mitten im Erfurter Herzschlag
Wie ist es eigentlich, auf einem der ältesten und bekanntesten Bauwerke Europas zu wohnen? Zwischen Geschichte, Fachwerk und Alltag – das Leben auf der Krämerbrücke ist besonders. Zum 700-jährigen Jubiläum der steinernen Brücke hat die KoWo (Kommunale Wohnungsgesellschaft mbH Erfurt) einige der Menschen getroffen, die das seit Jahrzehnten miterleben: die ältesten Bewohnerinnen und Bewohner der Krämerbrücke.
In kurzen Interviews erzählen sie, wie es ist, hier zu leben – mit Blick auf den Fluss, mitten im Trubel, aber auch ganz privat. Persönlich, ehrlich, charmant. Und mit einem Blick in ihre Wohnungen öffnen sie eine Tür in eine Welt, die viele nur von außen kennen.
In kurzen Interviews erzählen sie, wie es ist, hier zu leben – mit Blick auf den Fluss, mitten im Trubel, aber auch ganz privat. Persönlich, ehrlich, charmant. Und mit einem Blick in ihre Wohnungen öffnen sie eine Tür in eine Welt, die viele nur von außen kennen.
„Ein Kosmos für sich“
Wohnen an der höchsten Stelle der Brücke
Seine Wohnung ist derzeit eine Baustelle. Das Dach musste ebenso erneuert werden wie einige der alten Balken des historischen Fachwerkes. Der pensionierte Holzbildhauer und Möbelrestaurator Josef Englert lebt seit 30 Jahren im Haus, das einst den Namen trug „Zum schwarzen Bär“, späterhin „Zu den drei nackenden Kindern“ und heute „Haus zu den Störchen“ heißt.„Es hat sich so ergeben“, sagt er. Die Wohnung ist damals frei geworden und er zog aus einer Neubauwohnung im Rieth auf die Krämerbrücke. Der Gegensatz hätte wohl größer nicht sein können, kam ihm die Wohnung doch eher dunkel, die Decken erdrückend niedrig vor. „Doch ich schaute aus dem Fenster, die Gera glitzerte. Wohnen über dem Wasser – an der höchsten Stelle der Brücke – da habe ich mich entschieden: Ich will hier wohnen. Diese Entscheidung war richtig, ich bin glücklich und dankbar, dass ich hier leben kann“, sagt Josef Englert.
Von der Lebhaftigkeit der Innenstadt ist in der oberen Etage nichts zu hören, hier ist es ruhig, selbst beim Krämerbrückenfest. „Ich genieße das, wenn ich herunterschaue, es ist immer ein Erlebnis. Meine Spüle befindet sich direkt unter dem Fenster. Ich sehe die Stadtführer, sehe, wenn die Menschen am Fluss Picknick machen. Ich genieße es, mitten im Leben zu sein.“
Nach der einen Seite blickt man auf die Gera, schaut auf die Mikwe. „Ich sehe von meiner Wohnung aus sechs Kirchtürme!“, ist Josef Englert begeistert. Im Laufe der 30 Jahre habe er viel erlebt. Es ist viel saniert, die Häuser sind modernisiert worden. Auch die Freilegung und Restaurierung der mittelalterlichen jüdischen Mikwe von 2007 bis 2011 hat er miterlebt, konnte die Arbeiten von seiner Wohnung aus beobachten.
In der Wohnung hat sich ebenfalls viel verändert in den letzten drei Jahrzehnten. Die Elektrik ist neu, die Decken haben wieder ihre ursprüngliche Höhe, nachdem der zwischenzeitlich eingebaute Gipskarton wieder entfernt und alles originalgetreu mit Lehm verputzt worden ist. Sein Bad hat er nach eigenen Vorstellungen und entsprechend den architektonischen Gegebenheiten auf eigene Kosten umbauen lassen. Zwei Zimmer, Küche, Bad – liebevoll eingerichtet, und man erkennt, dass ein Fachmann in Sachen Restaurierung alter Möbel hier lebt. Auch Werke seines früheren Schaffens als Holzkünstler bestimmen das wunderbare Flair der Räume.
„So ein altes Haus ist etwas ganz Besonderes. Die Treppen knarren, es gibt praktisch keinen rechten Winkel. Ich mag das“, sagt Josef Englert.
Was ihm sehr am Herzen liegt, ist das Miteinander der Bewohner der Krämerbrückenhäuser: „Man kennt sich auf der Brücke. Der freundliche Umgang miteinander ist sehr angenehm. Das ist ein Kosmos für sich.“ Und: „Ich wünsche mir, dass die Brücke erhalten werden kann, da ist noch ganz viel nötig.“
Ein Projekt der
KoWo-Kommunale Wohnungsgesellschaft mbH Erfurt
Redaktion: K-Concept Elxleben
Bilder: Fotograf Marcel Krummrich
KoWo-Kommunale Wohnungsgesellschaft mbH Erfurt
Redaktion: K-Concept Elxleben
Bilder: Fotograf Marcel Krummrich
Traum erfüllt
Aus- und Weitblick von der Loggia
Die langgestreckte, schmale Loggia offeriert einen tollen Blick auf das quirlige Leben entlang des Flusses. Hier, an der Nordseite der Krämerbrücke, trifft man sich – ob auf den Wiesen, den langen Steinbänken oder in den Gaststätten und Cafés ringsum.Der Blick fällt durch ein Netz, das sicherstellt, dass die beiden hier heimischen Kater nicht abstürzen. Spielzeugwindmühlen in den üppig bepflanzten Blumenkästen halten kleine Vögel davon ab, sich durch Netzmaschen zu zwängen und in Gefahr zu begeben – Katzen verstehen da keinen Spaß.
Die urgemütliche Wohnung ist das Zuhause von Dr. Jutta Lindemann – mitten auf der Krämerbrücke: „So eine aus den Oberstübchen zu sein, wo man nicht nur besonderen Ein-, sondern auch unvergleichlichen Aus- und Weitblick in und vom ganz speziellen Organismus des Phänomens Krämerbrücke gewinnen kann, habe ich seit fast zwanzig Jahren die Ehre und Freude. Sicherlich auch alle anderen Brückenbewohner empfinden es als ein Privileg, im Herzen unserer liebenswerten alten Stadt zu leben und mit dem Einzug lebendiger Bestandteil eines historischen und selbst höchst lebendigen Gesamtkunstwerks geworden zu sein“*, beschreibt sie das Domizil in seiner Vielschichtigkeit von Geborgen- und Vertrautheit, von gegenseitigem Kennen, vom Einvernehmen mit den Nachbarn, den anderen Brückenbewohnern: „Das ist hier wie eine Riesenfamilie. Wir alle haben eine gemeinsame Basis: Die Affinität zu Kunst und Kultur. Man ist geborgen.“
Die Lehrerin für Kunsterziehung und Deutsch, die später selbst Kunsterzieher an der Pädagogischen Hochschule Dr. Theodor Neubauer in Erfurt ausbildete, die in Kunstpädagogik promovierte, hat sich dem kulturellen, künstlerischen Leben der Stadt verschrieben. Sie leitete u.a. das Kulturamt, arbeitet kunstwissenschaftlich, konzipierte und koordinierte Ausstellungen. Und natürlich ist sie selbst Kunstschaffende. Ihre aktuellen Werke reizen das gestalterisch Machbare von Grafikprogrammen aus, eröffnen neue Sichtweisen, fördern Verborgen-Schönes zutage.
„Die Brücke ist wie ein großes Schiff“, sagt Jutta Lindemann. Ihre Wohnung erstreckt sich über zwei Etagen. Sie hatte sich einst, nachdem die neugegründete Universität hier auszog, um die Räume beworben, deren Aufteilung sie neu gestalten ließ. Der Balkon schließlich – die Loggia – war ausschlaggebend dafür, dass sie hier einzog. Das Wasser unterm Haus, das Fachwerk, die Gemeinschaft der Brückenbewohner – es erfüllten sich ihre Träume.
* Quelle: www.lindaspixelwelten.de
Ein Projekt der
KoWo-Kommunale Wohnungsgesellschaft mbH Erfurt
Redaktion: K-Concept Elxleben
Bilder: Fotograf Marcel Krummrich
KoWo-Kommunale Wohnungsgesellschaft mbH Erfurt
Redaktion: K-Concept Elxleben
Bilder: Fotograf Marcel Krummrich
„Für uns war das ein Palast – riesig!“
Stolz, hier wohnen zu dürfen
Seit 1984 wohnt Familie Perleberg auf der Krämerbrücke. Nach einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in der Ottostraße ohne Bad und mit Außentoilette, stand der Entschluss fest: „Wir machen das.“ Eine Selbstverständlichkeit war es Mitte der 1980er-Jahre nicht, in die historische Altstadt zu ziehen, wo viele Häuser in sanierungsbedürftigem Zustand waren. Doch die Wohnung auf der Krämerbrücke bot zunächst einmal viel Platz: 107 Quadratmeter. „Für uns war das ein Palast – riesig“, erinnern sich die Perlebergs. Ein Kachelofen im Wohnzimmer und ein Badeofen für heiße Wannenbäder boten überschaubaren Komfort, der jedoch das Kohlenschleppen im Winter erforderlich machte. Weil die Lagermöglichkeiten ausgesprochen begrenzt waren, mussten die Briketts im wöchentlichen Wechsel mit der im Erdgeschoss ansässigen Buchhandlung beschafft werden. 1985/86 wurde eine Zentralheizung eingebaut. Bis aber alle Heizkörper installiert waren, streichen musste man sie selbst, dauerte es. Erstmalig funktionierte die Heizung im Wendejahr 1989/90. Nun wurde auch die Wasserleitung von außen in die Häuser verlegt.
Der Kachelofen musste aus statischen Gründen abgebaut und entsorgt werden. Die Wohnung der Perlebergs erstreckt sich in einer Etage über zwei Häuser, die Nummer 18 und 19. Nur so konnten die Räume großzügiger angelegt werden in den doch sehr schmalen Gebäuden. Die Heizung ist eine unendliche Geschichte. Ein Unternehmer aus den Niederlanden hatte eine neue Heizungsanlage gestiftet. Diese lief nur einen Winter lang, dann wurde sie aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen entsorgt und eine andere installiert. Die läuft nunmehr aber seit rund 30 Jahren.
Das Bad wurde modernisiert, die Badewanne machte einer Dusche Platz, die Leitungsrohre wurden verkoffert und damit unsichtbar. Das wurde in Eigenleistung mit Unterstützung der KoWo mbh Erfurt bewerkstelligt.
Eine Zitterpartie, die eineinhalb Jahre anhielt, mussten die Perlebergs überstehen – mit glücklichem Ausgang. Wegen der Geltendmachung sog. Restitutionsansprüche, also der Rückübertragung einst enteigneter Häuser, wurden die Räume vermessen, wurde geprüft. Letztlich verblieben die Häuser Nr. 18 und 19 im Eigentum der Stadt.
Neben der Größe, der tollen Lage und vor allem wegen der sehr guten Nachbarschaft wohnen die Perlebergs gern auf der Krämerbrücke. Lutz Perleberg war lange Mitglied in der Altstadtinitiative, die sich dafür engagiert, dass die Krämerbrücke so bleibt wie sie ist: Als Brücke der Krämer, nicht irgendwelcher moderner Geschäfte. Jedes Jahr gibt es ein Fest, das die Bewohner der Bücke ausschließlich für sich selbst organisieren. Jeder bringt etwas zu essen oder zu trinken mit, auch Tische, Stühle, Besteck und Geschirr werden einfach aus den Häusern auf die Brücke gestellt. Es ist ein gleichermaßen traditionelles wie spontanes Fest.
„Wir finden es ganz toll, dass in den Fokus gerückt ist, dass es eine komplett bebaute und bewohnte Brücke ist. Wir sind stolz darauf, dass wir hier wohnen dürfen.“
Ein Projekt der
KoWo-Kommunale Wohnungsgesellschaft mbH Erfurt
Redaktion: K-Concept Elxleben
Bilder: Fotograf Marcel Krummrich
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Redaktion: K-Concept Elxleben
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„Leider hat Erfurt kein Schloss.“
Biberschwänze für die Wunschwohnung auf der Krämerbrücke
Sechs Jahre hat es gedauert, bis Joachim Saynisch seine Wohnung im Haus Nr. 23 auf der Krämerbrücke beziehen konnte. 1987 erhielt er dafür den Zuschlag, 1993 war es dann soweit.
Die Wohnungsnot war groß in der DDR. Abhilfe wurde durch die Neubaugebiete an der Peripherie der Stadt ab den 1970er Jahren geschaffen. Sie boten einen Komfort, mit dem viele der historischen Innenstadthäuser nicht aufwarten konnten: Fernwärme, warmes Wasser, moderne Bäder, oftmals Balkone. Die Wände in den neuen Gebäuden waren gerade, rechtwinkelig angeordnet. Die Decken in angenehmer Höhe.
Doch Joachim Saynisch hatten es eben jene historischen Bauten mit ihrem ganz eigenen Charme angetan. Kein Wunder, verbrachte er doch Kindheit und Jugend in einer Wohnung im Quedlinburger Schloss. Dieses repräsentative Zuhause war dem Mut seiner Mutter geschuldet, die mit Mann und vier Kindern in sehr beengten Verhältnissen lebte. Alle Versuche, eine größere Wohnung zu erhalten, scheiterten zunächst. Das letzte Mittel: Ein Telegramm an den damaligen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck. Das war 1955. Die einst ehemaligen Bürgermeistern der Stadt Quedlinburg vorbehaltene Schlosswohnung wurde frei, als sein Hausherr in den Westen Deutschlands zog. Damals, noch vor dem Mauerbau, war das nicht ungewöhnlich.
Nach der Ausbildung als Installateur ging Joachim Saynisch zum Studium an die Ingenieurschule für Bauwesen hier in Erfurt. Eine Wohnung in der Raiffeisenstraße konnte nach Abschluss des Studiums von der jungen Familie bezogen werden.
Doch die Sehnsucht nach einem historischen Umfeld blieb ungestillt. „Leider hat Erfurt kein Schloss“, formulierte Joachim Saynisch sein Bedauern einerseits, seinen Wunsch, auf der Krämerbrücke zu wohnen, andererseits.
Das Haus Nummer 23, noch heute sein Domizil, gehörte zu den ersten fünf Häusern auf der Krämerbrücke, die saniert werden sollten. Dem Brandschutz Rechnung tragend, sollte zunächst der marode Schornstein abgebrochen werden. Um die Lücke im Dach zu schließen, brauchte es 200 Biberschwänze – Dachziegel, die zu dieser Zeit kaum aufzutreiben waren. Joachim Saynisch machte solche Biberschwänze auf einem Dachboden einer Scheune, die der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft (BHG) gehörte, ausfindig. Man überließ ihm die Ziegel und theoretisch hätte die Sanierung des Krämerbrückenhauses beginnen nun können.
Doch zuvor mussten das Gebäude freigezogen werden. Eine alte Dame zog aus. Die Weberwerkstatt von Sabine Sauerbrei, die sich im Erdgeschoss befand, wurde in einem der Zimmer der Saynisch-Wohnung in der Raiffeisenstraße vorübergehend untergebracht. Die vorübergehend privat zu nutzenden Räume für Sabine Sauerbrei stellte die KoWo mbh Erfurt zur Verfügung.
Im November 1993 zogen die Weberei von Sabine Sauerbrei ins Erdgeschoss und Joachim Saynisch in die darüber liegende Wohnung im Haus Nr. 23 ein. Heute ist diese ein mit viel Herzblut und Liebe zum Detail gestaltetes, bemerkenswert schönes Domizil und sein Bewohner kenntnisreich in allen Belangen der Historie der Brücke und des Hauses.
Ein Projekt der
KoWo-Kommunale Wohnungsgesellschaft mbH Erfurt
Redaktion: K-Concept Elxleben
Bilder: Fotograf Marcel Krummrich
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